Anna – Mein Pferdepraktikum in Schweden
Vier Wochen Fohlenmedizin, Klinikalltag und skandinavische Arbeitskultur
Anna hat Tiermedizin in Hannover studiert und ihr Studium im Frühjahr abgeschlossen. Im Juni und Juli 2025 verbrachte sie vier Wochen an der Mälaren Hästklinik in Sigtuna zwischen Stockholm und Uppsala. Dort erlebte sie den Alltag einer großen Pferdeklinik, arbeitete vor allem mit Fohlen und lernte neben neuen Behandlungsmethoden auch eine Arbeitskultur kennen, die ihr besonders positiv in Erinnerung geblieben ist.
Der Wunsch, während des Studiums ins Ausland zu gehen
Schon vor dem Studium stand für mich fest, dass ich gerne eine Zeit im Ausland verbringen möchte. Eigentlich hatte ich nach dem Abitur einen Aufenthalt auf Island geplant. Dann kam Corona, die Grenzen wurden geschlossen und kurz darauf begann mein Tiermedizinstudium in Hannover. Der Wunsch, Auslandserfahrung zu sammeln, blieb aber bestehen.
Schweden bot sich für mich aus mehreren Gründen an. Ich war als Kind häufig dort, habe Verwandtschaft im Land und verstehe ein wenig Schwedisch. Gleichzeitig wollte ich weitere Erfahrungen in einer Pferdeklinik sammeln. Über eine Freundin kam der Kontakt zu einer schwedischen Chirurgin zustande, die mir die Klinik zwischen Stockholm und Uppsala empfohlen hat.
„Wenn man schon länger über einen Auslandsaufenthalt nachdenkt, sollte man es einfach versuchen. Ich glaube, sonst bereut man später eher, es nicht gemacht zu haben.“
Bewerbung und Unterkunft: früh geplant, unkompliziert umgesetzt
Ich bewarb mich per E-Mail mit Lebenslauf, einem kurzen Motivationsschreiben und einem Empfehlungsschreiben. Meine erste Anfrage schickte ich etwa eineinhalb Jahre vor dem geplanten Aufenthalt. Das war aus Sicht der Klinik sogar etwas früh. Dort sagte man mir, dass eine Bewerbung ungefähr ein Jahr vorher ausreiche. Die weitere Abstimmung verlief unkompliziert und das Team war auch bei organisatorischen Fragen sehr hilfsbereit.
Für die Interns stehen an der Klinik eigene Zimmer zur Verfügung. Ob dort auch Praktikantinnen und Praktikanten untergebracht werden können, hängt von den jeweiligen Kapazitäten ab und sollte direkt bei der Klinik angefragt werden. Da ich meinen Hund mitnehmen wollte, suchte ich zusätzlich selbst nach einer Unterkunft. Über eine regionale Facebook-Gruppe fand ich schließlich eine kleine Blockhütte auf einem Reiterhof, nur etwa fünf Minuten von der Klinik entfernt. Mein Hund konnte mitkommen und der Weg zur Arbeit war kurz. Das war ein echter Glücksfall.
Mein Schwerpunkt: Fohlenmedizin und Rehabilitation
Mein Praktikum fiel in die Fohlensaison. Vor Ort wurde ich als sogenannte Foal Extern eingeteilt und arbeitete deshalb vor allem im Fohlenstall. Das war nicht von mir geplant, passte aber sehr gut, weil ich ohnehin mehr Erfahrung mit Fohlen sammeln wollte.
Die Klinik ist groß und breit aufgestellt. Neben dem stationären Bereich gibt es einen großen OP, eine umfangreiche Poliklinik und einen weitläufigen Orthopädiebereich mit Halle, Longierzirkeln auf unterschiedlichen Böden und separaten Trabstrecken. Während meines Aufenthalts wurde außerdem ein neuer OP-Bereich mit CT und einem OP für Eingriffe am stehenden Pferd gebaut.
Im Stall half ich bei der Versorgung der Patienten und begleitete unter anderem Notfälle, Verbandswechsel, Gastroskopien, Endoskopien und Zahnbehandlungen. Besonders spannend war für mich die enge Zusammenarbeit mit dem Physio- und Reha-Team. Bei zwei Fohlen mit starken Problemen beim Aufstehen wurden in kurzen Abständen physiotherapeutische Übungen, Elektrostimulation und unterstützendes Taping eingesetzt. Eines der Fohlen durfte ich fast während meines gesamten Praktikums begleiten. Nach drei Wochen engmaschiger Betreuung konnte es erfolgreich aus der Klinik entlassen werden.
Beeindruckt hat mich, wie individuell die Therapie geplant wurde. Auch bei Pferden, die längere Zeit nur eingeschränkt stehen oder sich kaum bewegen konnten, wurde gezielt daran gearbeitet, Muskulatur und Beweglichkeit so gut wie möglich zu erhalten. Für mich war das ein sehr interessanter Einblick in die Verbindung von klassischer Klinikmedizin und Rehabilitation.
„Es wurde wirklich für jedes Tier individuell überlegt, welche Behandlung sinnvoll ist. Gerade die intensive Physiotherapie bei den Fohlen fand ich besonders spannend.“
Ein typischer Tag in der Pferdeklinik
Die Interns begannen ihren Tag um sieben Uhr mit der Untersuchung der stationären Patienten. Zu Beginn war ich ebenfalls so früh dabei. Relativ schnell sagte mir das Team jedoch, dass es für mich ausreiche, kurz vor der Visite zu kommen. Dann sah ich nach den Fohlen und nahm an der kurzen morgendlichen Runde teil, in der die wichtigsten Informationen und geplanten Maßnahmen für jeden Patienten besprochen wurden.
Anschließend wurden die Pferde untersucht und möglichst viele Verbände bereits am Vormittag gewechselt. Gegen zehn Uhr fand die Fika statt, die traditionelle schwedische Kaffeepause. Dabei kamen Tierärztinnen und Tierärzte, TFAs und weitere Mitglieder des Stallteams zusammen. Neben Kaffee und Knäckebrot gab es einen ausführlicheren fachlichen Austausch zu den Patienten. Wundverläufe, Laborwerte, anstehende Untersuchungen und schwierige Fälle wurden gemeinsam besprochen. Diese Verbindung aus Pause und großer Visite fand ich fachlich und menschlich sehr gelungen.
Danach ging der normale Klinikalltag weiter. Je nachdem, was anstand und wem ich zugeteilt war, konnte ich unterschiedlich viel selbst übernehmen oder bei Untersuchungen und Behandlungen mitlaufen. Ich hatte jederzeit die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Als ich äußerte, dass ich gerne einen Tag bei der Physiotherapeutin verbringen würde, organisierte das Team dies, sobald es terminlich möglich war.
Wertschätzung statt langer Praktikumstage
Der größte Unterschied zu meinen bisherigen Erfahrungen in Deutschland war für mich der Umgang mit Arbeitszeiten. Teilweise wurde ich bereits gegen 16 Uhr nach Hause geschickt. Anfangs war ich unsicher, ob das bedeutete, dass ich nicht länger gebraucht wurde. Eine Freundin, die dort als Intern arbeitete, erklärte mir jedoch, dass dies wirklich Teil der Arbeitskultur sei: Wenn der Arbeitstag vorbei ist, soll man auch Feierabend machen dürfen.
Nur einmal blieb ich etwa zwei Stunden länger, weil ein intensiv betreutes Fohlen in kurzen Abständen versorgt werden musste und zusätzlich Notfälle kamen. Selbst an diesem Tag fragten mich mehrere Teammitglieder, ob es für mich wirklich in Ordnung sei, noch zu bleiben.
Insgesamt erlebte ich die Atmosphäre als sehr wertschätzend und auf Augenhöhe. Natürlich bekommt man als Praktikantin in vier Wochen nur einen begrenzten Einblick. Ich hatte aber nie das Gefühl, im Weg zu stehen oder mit meinen Fragen zu stören. Auch im Umgang mit den Tieren nahm ich keine grundlegenden Unterschiede zu Deutschland wahr.
„Ich hatte nie das Gefühl, dass ich störe oder nichts fragen darf. Gleichzeitig wurde sehr darauf geachtet, dass ich nach einem normalen Arbeitstag auch wirklich nach Hause gehe.“
Reicht Englisch für ein Praktikum in Schweden?
Im Klinikalltag kam ich mit Englisch sehr gut zurecht. Das Team sprach sicher Englisch und erklärte mir Untersuchungen und Behandlungen entsprechend. Wenn Besitzerinnen und Besitzer dabei waren, wurde naturgemäß häufig Schwedisch gesprochen. Sobald ich sagte, dass ich nicht alles verstand, wechselten viele ebenfalls ins Englische.
Schwieriger waren eher die informellen Gespräche in der Mittagspause, weil dort schnell und ganz selbstverständlich Schwedisch gesprochen wurde. Für ein Praktikum halte ich gute Englischkenntnisse grundsätzlich für ausreichend. Wer sich später auf eine feste Stelle, ein Internship oder eine Residency bewerben möchte, sollte sich jedoch frühzeitig über die aktuellen Sprachanforderungen informieren.
Organisation, Anreise und finanzielle Förderung
Mein Aufenthalt wurde über Erasmus gefördert. Die Bedingungen können sich ändern und unterscheiden sich möglicherweise je nach Universität und Programm. Deshalb lohnt es sich, frühzeitig beim International Office nachzufragen. In meinem Fall deckte die Förderung die realistischen Kosten für Unterkunft, Anreise und Lebenshaltung gut ab. Dass ich eine günstige Unterkunft fand und ein passendes Fährangebot nutzen konnte, entlastete mein Budget zusätzlich.
Ich reiste mit dem Auto und der Fähre von Travemünde nach Schweden. Das Auto war vor Ort sehr praktisch, weil die Klinik außerhalb der größeren Städte liegt und ich außerdem meinen Hund dabeihatte. Für ihn musste ich vorab unter anderem die Tollwutimpfung prüfen und die Einreise anmelden. Wer fliegt, kann die Klinik vom Raum Stockholm aus ebenfalls erreichen, sollte aber die Mobilität vor Ort und mögliche Kosten für einen Mietwagen einplanen.
Die Lebenshaltungskosten empfand ich insgesamt als etwas höher als in Deutschland. Besonders Milchprodukte und Käse waren vergleichsweise teuer. Ein Einkauf beim schwedischen Lidl kostete aus meiner Sicht ungefähr so viel wie ein Einkauf bei Edeka in Deutschland. Insgesamt ließ sich der Aufenthalt mit der Förderung aber gut finanzieren.
Schweden nach Feierabend
Da ich meist früh Feierabend hatte und mein Praktikum kurz nach Mittsommer stattfand, blieb viel Zeit, um die Umgebung kennenzulernen. Abends war ich häufig mit meinem Hund am See, ging schwimmen, las oder arbeitete die fachlichen Themen aus der Klinik nach. Während des Praktikums führte ich ein kleines Notizbuch, in dem ich neue Fälle und offene Fragen festhielt.
An den Wochenenden besuchte ich Uppsala, Stockholm und kleinere Orte in der Umgebung. Die Region entsprach für mich genau dem Bild, das viele mit Schweden verbinden: kleine Häuser, Seen, Badestege, Cafés und lange helle Sommerabende. Stockholm ist auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar. Wer mit dem Auto in die Stadt fährt, sollte sich vorher über Parkkosten und mögliche Stadtgebühren informieren.
Mein Fazit
Das Praktikum hat mir fachlich und persönlich sehr viel gegeben. Besonders die intensive Fohlenmedizin, die Einbindung von Physiotherapie und Rehabilitation sowie der gemeinsame Austausch im Team sind mir in Erinnerung geblieben. Gleichzeitig konnte ich erleben, dass ein anspruchsvoller Klinikalltag und ein bewusster Umgang mit Arbeitszeiten gut zusammenpassen.
Mein Rat an andere Studierende lautet deshalb: Wer über ein Auslandspraktikum nachdenkt, sollte sich früh informieren und eine Bewerbung einfach versuchen. Auch wenn der organisatorische und finanzielle Aufwand zunächst abschreckend wirkt, gibt es häufig Fördermöglichkeiten. Es muss außerdem nicht direkt ein mehrmonatiger Aufenthalt sein. Auch vier Wochen können reichen, um fachlich viel mitzunehmen, ein anderes Arbeitsumfeld kennenzulernen und persönlich über sich hinauszuwachsen.
„Auch ein kürzerer Auslandsaufenthalt lohnt sich. Man lernt fachlich viel, wird selbstständiger und nimmt Erfahrungen mit, die einem lange bleiben.“
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